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Mit Videos: Als das Fundamt eine Fanfare loswerden wollte

Der Eichstätter Fanfarenzug und 50 Jahre seiner Geschichte und Geschichten

Es gibt ja so einige wilde Truppen in Eichstätt und der Region, denen der Schalk im Nacken sitzt wie einst dem legendären Schlossleutnant Krach. Schneidige rote Kittel mit dem Stadtwappen und befiederte Kopfbedeckungen, dazu blank poliertes Metall im Anschlag. Dann wird scharf geschossen: Die Backen füllen sich, und schon geht er los der Marsch – quer durch den Hofgarten. Da schauen selbst die coolen Hiphop-Hörer zwei Hecken weiter. Der Fanfarenzug ist unterwegs – und bläst allen den Marsch. Schließlich tauchen im offenbar gut besuchten Hofgarten immer mehr Menschen auf, und so entwickelt sich aus der Marschprobe so etwas wie das erste öffentliche Konzert der Truppe seit rund zwei Jahren – und es gibt etwas zu feiern: 50 Jahre Fanfarenzug.

Mit Videos: Als das Fundamt eine Fanfare loswerden wollte
Hoch die „Trompeten“: Der Fanfarenzug beim Marschkonzert und Jubiläumsständchen im Hofgarten. Fotos: Zengerle.

Verwirrt blicken die feiernden jungen Leute im Hofgarten hinter den barock arrangierten Hecken auf und straffen sich scheinbar angesichts der Marschmusik, die hier inbrünstig intoniert wird. Der Fanfarenzug ist da und nicht zu überhören, wie er imposant durch den Hofgarten marschiert – da hätten wohl auch die Fürstbischöfe ihre Freude gehabt. Die Marschprobe ist in vollem Gange, und schon versammelt sich Publikum und applaudiert leise, als der musikalische Leiter Alex Frey in einer kurzen Pause am Brunnen mitten im Hofgarten vor der Sommerresidenz seine Fanfare hebt und die nächsten Stücke ansagt. So wird aus der Probe quasi ganz nebenbei der erste Auftritt vor Publikum. Denn auch die „Fanfarer“ haben gut anderthalb Jahre Leerlauf hinter sich. Die Faschingssaison und auch die meisten anderen Auftritte sind ausgefallen.

 

VIDEOS: Jubiläumskonzert der besonderen Art: Der Fanfarenzug bei der Marschprobe im Hofgarten und die Fanfarer-Legenden Bernhard Glas und Willi Eisenhart im Gespräch mit der aktuellen Truppe um Alex Frey und Michael Obele (Video unten). Videos: Zengerle

Doch so ein besonderes Jubiläum will man dann doch nicht ungefeiert lassen. Und so planen die Fanfarer am 30. Oktober eine Jubiläumsfeier im Alten Stadttheater – und hoffen dass die dann auch stattfinden kann. Dazu sind natürlich auch die ehemaligen Mitglieder eingeladen, ganz besonders, wenn es solche „Fanfarer-Legenden“ wie Julius Beck und Bernhard Glas, beide langjährige musikalische Leiter, oder Willi Eisenhart, einer der Präsidenten der Eichstätter „Fanfarer“, sind.

Ein halbes Jahrhundert an der Bläserfront – das hält selbst der stärkste Fanfarer nicht aus. Und so sind die Granden der frühen Jahre natürlich heute nicht mehr aktiv, aber schauen immer wieder gerne vorbei. Sie sind in den Hofgarten gekommen, um sich gemeinsam mit ihren Nachfahren an Fanfare und Landsknechtstrommel über Erinnerungen aus 50 Jahren auszutauschen – und ein Geburtstagsständchen für den Fanfarenzug zu hören. Denn der ist in diesem Jahr offiziell 50 Jahre alt geworden.

Ursprünge in den 60er-Jahren

Angefangen habe alles im ganz kleinen Kreis, und zwar schon in den 1960er-Jahren, erzählt Gerhard Julius Beck, der langjährige Leiter der Stadtkapelle und Gründungsmitglied der Fanfarer. Auf irgendeinem Speicher habe man dann auch noch ein paar Fanfaren gefunden und schon war die Idee geboren. „Der Riederer-Helm war die treibende Kraft“, erinnert sich auch Willi Eisenhart an den unvergessenen Eichstätter Wirt des Gasthofs Krone und des legendären Peterskellers, Wilhelm Riederer. Der habe in der Hitlerjugend Fanfare gespielt – und das habe ihm damals so gut gefallen, dass er in Eichstätt einen Fanfarenzug auf die Beine stellen wollte. Auch heute noch gibt es klare Ansagen – aber auf demokratischer Basis natürlich, wie Michael Obele und Christian Heckl als aktuell 1. und 2. Präsident, grinsend sagen.

Mit Videos: Als das Fundamt eine Fanfare loswerden wollte
Legenden und Anekdoten: Julius Beck, Bernhard Glas und Willi Eisenhart als langjährige Fanfarenträger mit der heutigen Truppe.

„Erstmals wurden der närrische Hofstaat und die Tollitäten von vier Fanfarenbläsern ,hereingespielt’“, heißt es in einem Zeitungsartikel vom 11. Januar 1971 – die erste urkundliche Erwähnung sozusagen. Eine wirkliche Urkunde und Satzung gibt es natürlich nicht – schließlich ist der Fanfarenzug kein eigener Verein, sondern dem Volksfestausschuss unterstellt – „aber mit ordentlich Eigenleben“, so Obele. „Wir sind ein eingeschworener Haufen, im Mittelpunkt steht ganz klar die Kameradschaft und der Spaß.“

Was braucht so ein Fanfarer denn eigentlich? Gefühlvolle und stabile Lippen, damit die Schwingung stimmt? Oder einen gescheiten Kompressor vielleicht, damit der Druck passt? Von allem ein wenig, sagt Christian Heckl grinsend, altgedienter Mann an der Waffe – gemeint ist in seinem Fall die Landsknechtstrommel. Für die meisten anderen seiner Truppe aber ist es die Fanfare: klassisch und schlicht in der Form, wie auch ein Fanfarer sein sollte: Geradlinig, elegant geschwungene Rundungen, aber auch klare Kante, wo es nötig ist. Und vor allem viel Durchhaltevermögen. „Sonst überlebt man schon den ersten Fasching vielleicht nicht“, sagt Obele grinsend. Und so sind die Eichstätter Fanfarer in Coronazeiten auch seit anderthalb Jahren massiv unterfordert und brennen vor Tatendrang.

Gemeinsam hat man in der Vergangenheit einiges erlebt – kein Wunder, bei so einem wilden und feierwütigen Haufen ist immer etwas geboten – in Uniform noch einigermaßen anständig. Bevor es dann zu wild werde, werde die ja vergleichsweise gediegene rote Uniform, die die Fanfarer heute statt der hellgelben Umhänge der Anfangszeiten oder der hellblauen Uniformen bis Anfang der 70er-Jahre inzwischen tragen, dann lieber abgelegt – manchmal allerdings auch die Fanfare gleich mit. „Eines Tages hat sich das Fundamt bei mir gemeldet: Ich soll eine Fanfare abholen“, erzählt Arno Amler, ehemaliger Präsident des Fanfarenzugs. Es dauerte allerdings einige Wochen, herauszufinden, wem das Edelinstrument gehörte – schließlich befand sich der Eigentümer gerade im Ausland.

Nur kurz im Knast

Und auch mit den Gesetzeshütern kam es bisweilen zum Konflikt – manchmal allerdings mit Absicht. Nach einem der Bälle, die vor Jahren regelmäßig im Eichstätter Kolpingsaal stattfanden, führte der frühmorgendliche Heimweg Willi Eisenhart, Max Pfuhler und Herbert, genannt „Schnapsmayer“, Mayer natürlich am Gefängnis vorbei. Da beschlossen die drei, nicht eher Ruhe zu geben, bis man sie auch dort hinter Gittern noch einmal „einkehren“ lasse – und stimmten ein passendes Lied an: den „Gefangenenchor“ aus der Oper Nabucco. Die Beamten hatten schließlich ein Einsehen, ließen sie rein in den Knast und „haben uns sauber verhört“, wie Eisenhart erzählt. Anschließend schickten sie die musikalischen Unruhestifter allerdings wieder des Weges – ein Fehler, denn die spielten daraufhin draußen noch ein paar Ständchen mit ihren Fanfaren. „Am nächsten Tag waren wir gleich zweimal auf einer Zeitungsseite erwähnt“, erzählt Eisenhart. „Verdiente Fanfarer mit Orden ausgezeichnet“ – so die Überschrift im einen Artikel oben. „Und unten hieß es im anderen: ,Nächtliche Heimkehrer müssen mit Anzeige rechnen’“, erzählt Eisenhart lachend.

Mit Videos: Als das Fundamt eine Fanfare loswerden wollte

Und auch internationale Verwicklungen gab es beinahe: Nach einem Ausflug nach Pilsen kam es an der Grenze zu Komplikationen: Weil einige der Delegation sich im Freien erleichterten, reagierten die Grenzschützer leicht irritiert und ließen die Schwerenöter drei Stunden lang auf der Station schmoren, ehe es für den gesamten Bus, der draußen gewartet hatte, dann doch weiterging. Bei einem Auftritt zur 1000-Jahr-Feier von Beilngries 2007 bliesen die Eichstätter Fanfarer auch der großen Politik den Marsch: Horst Seehofer, Edmund Stoiber und Günther Beckstein bekamen aus kurzer Distanz eine volle Breitseite – und auch fast einen 1000-jährigen Gehörsturz.

„Ach ihr Bayern, ihr seid doch verrückt!“

Aber die Eichstätter Fanfarer pflegten nicht nur heimische Traditionen, sondern interessierten sich auch immer für fremde Kulturen. Beim Besuch im Rahmen der Städtepartnerschaft in Bolca vor Jahren waren Eisenhart und Glas bei einem Bergbauern eingeladen. Die Milch für den Kaffee allerdings wurde direkt im Kuhstall neben der Küche noch euterwarm quasi direkt in die Tasse gemolken. Nicht nur den Eichstätter Fasching als Saisonhöhepunkt, sondern auch den Kölner Karneval haben die bajuwarischen Metallbläser bereits bereichert: Mit einem Auftritt in einer Kneipe und einem Marschkonzert und Goaßlschnalzen in der rheinischen Karnevalsmetropole. Das Urteil der einheimischen Karnevalisten: Viel Applaus, Kamelle, das eine oder andere Bützchen und ein klischeehaftes Pauschalurteil mit wahrem Kern: „Ach ihr Bayern, ihr seid doch verrückt!“

60 bis 80 Auftritte hat der Fanfarenzug inzwischen normalerweise im Jahr – darunter natürlich sonst viele im Fasching, auf dem Altstadtfest oder den Ostermärkten in Eichstätt und Ingolstadt, wo sich die Schanzer regelmäßig die lautstarke Verstärkung aus der Domstadt holen. Aber auch bei vielen Festen und Feiern wie dem Limesfest in Kipfenberg oder auf Einladung in Lohr am Main. Auch Geburtstagsständchen werden regelmäßig geblasen und auf dem Eichstätter Volksfest sind die Fanfarer natürlich immer dabei – einmal sogar in luftiger Höhe: bei einer vertikalen und musikalischen Ehrenrunde im Riesenrad – Höhentrainingslager ist ja gut für das Lungenvolumen. Das sei aber ohnehin gar nicht so entscheidend. Eher schon das Taktgefühl, sagen die musikalischen Leiter Alex Frey und Matthias Eichiner. Da habe man schon immer wieder Bewerber ablehnen müssen, wenn es eben nicht klappte.

Lange Tradition: In den 60er-Jahren von Wilhelm Riederer initiiert (Porträt Foto 1) und von Männern der ersten Stunde wie Julius Beck, Hans Eichiner und Herbert F. Mayer (Foto 2) auf den Weg gebracht, folgten dem ersten offiziellen Einmarsch im Fasching im Januar 1971 (Foto 3) unzählige weitere lautstarke Auftritte der Männer, die seit 1978 in rotem Gewand auftraten und am 11. Mai 1979 ihre erste ordentliche Hauptversammlung abhielten (Foto 4). Auch ohne Instrumente zeigten die „Fanfarer“ vollen Einsatz wie beim Fischerstechen (Foto 5) – oder nun beim Marschkonzert im Hofgarten (Foto 6). Fotos: oh

Grundsätzlich aber kann jeder beim Fanfarenzug dabei sein – und zwar auch ohne musikalische Ausbildung. Nur Frauen dürfen nicht. Das steht in der inoffiziellen Satzung – einem eisernen Regelwerk, neben dem es aber auch viele gut gepflegte Traditionen gibt: So wie der „Seppa-Pokal“ mit diversen Wettbewerben – benannt nach dem 1993 viel zu früh verstorbenen Josef Breböck – nach Beck, Werner Eichiner und Herbert Mayer musikalischer Leiter der Fanfarer. Auf ihn folgten Bernhard Glas, Michael Viehmann, Andreas Breböck, Johannes Glas, Christian Glück, Harald Häring und heute Alex Frey. Präsidenten waren nach Riederer Max Pfuhler, Christian Schlicht, Willi Eisenhart, Stephan Kaspar, Michael Liebl, Markus Schmidt, Peter Steib, Michael Viehmann, Arno Amler, Daniel Fischer und Michael Obele.

„Sieger der Herzen“

Oft müsse er bei neuen Stücken schon die verschiedenen Stimmen vorspielen und ein wenig mitklatschen, um den Rhythmus vorzugeben. Denn auch aktuell könnten die meisten nicht Noten lesen, erzählt Alex Frey, selbst ausgebildeter Musiker. Aber mit viel Üben – jede Woche wird geprobt – bekomme man das schon hin. So aber hat man es immer wieder geschafft, eine gesellig wie auch musikalisch gut funktionierende Truppe zu formen – die auch zwei preisverdächtige Auftritte beim Wettkampf des Verbandes der bayerischen Spielmannszüge und Fanfarenzüge hatte, als die Truppe einmal beinahe Bronze gewonnen hätte – und quasi durch „Schiebung“ verpasst habe, wie Bernhard Glas und Willi Eisenhart lachend erzählen. „Nur durch einen Zehntelpunkt – und sicher nur, weil wir kein Mitglied in dem Verband waren.“ So war man am Ende nur „Sieger der Herzen“. Viele bekannte Eichstätter Musiker hatte man im Lauf der Jahre in den eigenen Reihen.

„Aber wenn wir ausschließlich auf musikalisch ausgebildete Musiker warten würden, gäbe es uns vielleicht nicht mehr, denn die sind überall gesucht“, sagt Obele. „Und das wäre schade“, findet auch Bernhard Glas. Er sei stolz, dass es den Fanfarenzug, den er selbst als musikalischer Leiter geprägt hatte, auch weiter gibt und dass auch sein Sohn die Tradition weitergeführt habe. „Das ist eine Tradition, die gehört zu Eichstätt. Wenn die roten Kittel einmal nicht mehr rumlaufen, fehlt mir was.“ Beim Marschkonzert im Hofgarten und dem Abschlussständchen im barocken Pavillon mit Beck, Eisenhart und Glas als prominentem Publikum mit Fanfarervergangenheit jedenfalls kann sich auch das spontan zusammengekommene Publikum davon überzeugen, dass die heute 18 Mann starke Truppe auch nach 50 Jahren quietschlebendig ist. Eine Familie kommt hinter der Hecke vor und setzt sich dazu. Die Tochter applaudiert fleißig. „Schön“ sagt sie, „noch ein Lied!“

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