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TV-Tipp: die Serie „Occupied“ auf Arte und die Ukraine-Krise

Erfolgsserie über russische Besetzung Norwegens wirkt aktueller denn je

Es ist nur eine Fernsehserie. Fiktional, also frei erfunden. Aber wer sie sieht, fühlt beinahe unweigerlich einen kalten Schauer über seinen Rücken hinablaufen. Die norwegische Erfolgsserie „Occupied – Die Besatzung“ kommt dem Zuschauer nicht nur wegen der historischen, russischen Einflussnahme im Kalten Krieg, sondern vor allem auch wegen der jüngsten Ereignisse an der ukrainischen Grenze aktueller denn je vor. Dabei hatte Thriller-Autor Jo Nesbø die Romanvorlage für die Serie, die von einer russischen Besatzung und schrittweisen Unterwanderung Norwegens handelt, bereits Jahre vor der russischen Annexion der Krim entwickelt.

Und auch die zweite Staffel wurde weit vor dem neuerlichen russischen Aufmarsch an der Grenze zur Ukraine ausgestrahlt. Eine manchmal ein wenig nervenaufreibende, aber sehr spannende und sehenswerte Serie. Wer’s verpasst hat, kann sich das Ganze derzeit wieder in der Arte-Mediathek anschauen – und wird wohl unweigerlich an die Ukraine denken müssen.

Erstaunliche Parallelen: Die Serie Occupied entwarf schon vor der Besetzung der Krim und der Ostukraine das Szenario einer schleichenden russischen Besetzung Norwegens. Bild: oh

Es herrscht Krieg in Europa – seit Jahren schon. Bange Blicke richten sich derzeit in Europa an die ukrainische Grenze, wo Putins Soldaten für die ganze Welt sichtbar aufmarschieren. Während die Krim längst besetzt, annektiert und dem russischen Großreich einverleibt ist und Europa sich über die Jahre an den bewaffneten Konflikt zwischen der ukrainischen Armee und prorussischen und von Russland unterstützten Separatisten in der Ostukraine „gewöhnt“ hat, richtet sich nun wieder die volle Aufmerksamkeit der Nato auf den wieder aufflammenden Konflikt in der Ukraine.

In einer Atmosphäre des dort drohenden Krieges mit Russland ist die Serie über eine russische Unterwanderung und schrittweise Besetzung Norwegens, die bereits nach ihrer Erstausstrahlung die russische Regierung verärgert hatte, wie etwa eine Stellungnahme des russischen Botschafters in Norwegen dazu damals verdeutlichte, durchaus ein zwar nicht immer perfekt, aber doch sehr ansehnlich und aufwendig umgesetztes und vor allem spannendes Gedankenexperiment.

Hier entführen russisch sprechende Männer den frischgewählten norwegischen Ministerpräsidenten Jesper Berg. Der hatte seinen Wählern ein ökologisches Programm versprochen: einen Ausstieg auf der norwegischen Öl- und Gasförderung, um die nationale Energieproduktion ganz auf erneuerbare Ressourcen rund um das Mineral Thorium zu konzentrieren. Doch dann wird er von Russen per Helikopter entführt, und als er wenig später freigelassen wird, ändert er seine Meinung: Die Öl- und Gasförderung wird wieder aufgenommen. Russische Truppen „sichern“ die norwegischen Ölbohrplattformen und zum Schutz russischer Interessen und „russischer Staatsbürger“ auch immer mehr andere Bereiche des Landes und die russische Botschafterin Irina Sidorova geht im Büro von Berg bald ein und aus.

Rückkehr der „Grünen Männchen“?: Mutmaßliche russische Soldaten ohne hoheitliche Abzeichen 2014 vor dem Flughafen Simferopol. Foto: oh

Plant Putin nun Ähnliches wie auf der Krim auch mit dem Rest der Ukraine? Nun nicht mehr ganz so verdeckt und getarnt wie damals, als die sogenannten „grünen Männchen“ – russische Soldaten, die – ähnlich wie auch in der Serie „Occupied“ – als angebliche Privatleute getarnt und ohne Hoheitsabzeichen in der Ukraine operierten –, sondern als offenen militärische Drohung. Erst kürzlich hatte Washington vor einer russischen „False-Flag-Operation“ gewarnt, also einer getarnten Operation russischer Agenten, um einen Vorwand für einen Einmarsch zu liefern. Auch über russische Cyberangriffe wurde spekuliert. Nicht umsonst hatte Russland auch massenweise – die Rede ist von Hunderttausenden – russische Pässe an Bewohner der umkämpften Regionen im Osten des Landes verteilt. Ein Angriff auf einen Russen als Vorwand also?

All das erinnert schwer an die Eriegnisse in der Serie „Occupied“. Hier entwickelt sich über zwei Staffeln hinweg ein Spiel um Macht und Interessen – und zwar durchaus nicht schwarz und weiß: Auch Jesper Berg, der längst nicht mehr Ministerpräsident ist, sondern aus dem Exil mit dem norwegischen Widerstand operiert und sich dabei selbst die Hände schmutzig und blutig macht, verwandelt sich mehr und mehr zu einem Getriebenen, der zwar Norwegen befreien, aber auch zurück an die Macht will. So entsteht ein Bild eines korruptemn und korrumpierenden Spiels um Macht, das mit der Besetzung einhergeht. Und auch die EU und ihre Mitgliedsstaaten wie Deutschland machen in der fiktionalen Serie keine gute Figur.

„Occupied – Die Besatzung“ ist ein Zukunftsdrama, in dem ein demokratischer Staat schrittweise seine Souveränität verliert. Untersucht wird, wie sich Regierung und Bevölkerung verhalten, wenn sie nach und nach ihre politischen und gesellschaftlichen Rechte verlieren und in einem Land unter Besatzung leben. Die Autoren Karianne Lund, Erik Skjoldbjærg und Erik Richter Strand entwickelten die Serie nach einer Idee des norwegischen Bestsellerautors Jo Nesbø, der bereits ab 2008 damit begonnen hatte, und wurden beim Schreiben von der politischen Aktualität überrascht, als Russland auf der Krim einmarschierte. Was als Reminiszenz an die Vasallenregierung des Vidkun Quisling vergessen, der als Statthalter Hitlers von 1942 bis 1945 das Land willfährig verwaltet hatte, begonnen hatte und im norwegischen Kollektivgedächtnis präsent ist, bekommt durch die wiederaufflammende Ukrainekrise wieder zusätzliche Brisanz. Stephan Zengerle

„Occupied – Die Besatzung“ wurde 2015 erstmals ausgestrahlt, 2018 wurde die zweite Staffel in Deutschland erstmals ausgestrahlt und ist noch bis Dezember 2022 in der Arte-Mediathek zu sehen:

Hier geht’s zur Serie in der Arte-Mediathek – EINFACH HIER KLICKEN!

 

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